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8. Handlung / Plot und Handlungsaufbau

Handlung / Plot: das gesamte Gefüge von Zustandsveränderungen, das  sich nicht nur aus dem Handeln und Erleiden einzelner Personen zusammensetzt, sondern auch aus zufällig eintretenden Ereignissen, die auf die Personen keinerlei Wirkung haben.

Episodischer Handlungsaufbau:

Urform des episodischen   Romans  ist der spanische Schelmenroman bzw. der pikarische Roman des 16. und  17. Jahrhunderts; in Trivialform nur Aneinanderreihung von Abenteuern bzw. gefährlichen Episoden;  im englischen Roman Anfang und Mitte des 18. Jahrhunderts: bei Henry Fielding  (1707-1757). Folge von Erlebnissen des Helden  (Findelkind Tom Jones)  beim Gang durch alle Schichten der englischen Gesellschaft; episodische Handlungsstruktur hier anspruchsvoll; Held tritt im Sinne der Aufklärung  (vgl. John LOCKE, 1632-1704) als tabula rasa ins Leben, um leere Schrifttafel seines  Bewußtseins  - von Episode zu Episode fort-schreitend - mit  lebensnotwendiger Erfahrung zu füllen;  Held läuft am Ende i. a. in einen friedlichen Hafen ein  (Heirat der geliebten Frau,  Antritt des zustehenden  Erbes,  Aufnahme  in die bürgerliche Gesellschaft); Grundschema des pikarischen Romans bis heute aktuell;  episodische Handlungsstruktur wird gewählt  (z.B.  von G.  GRASS), um das bunte Panorama einer kaum zu bewältigenden Wirklichkeitsform einzufangen

Dramatischer Handlungsaufbau:

Handlungsmuster  lehnt sich an Drama an: Exposition,  d.h.  Vorstellung der Figuren und des Konfliktes,  Entwicklung dieses  Konfliktes zum Höhepunkt hin, Scheinlösung bzw.  retardieren- des Moment und Lösung,  d.h.  Katastrophe oder Happy  End; ab Ende des  18. Jahrhunderts  in englischen Schauerromanen  (Gothic novels, z.B. ‚Frankenstein' von Mary SHELLEY, 1797-1851) nach dem Schema des Melodrams; in Gesellschaftsromanen  (z. B. ‚Vernunft und Gefühl'  von Jane AUSTEN, 1775-1817) nach dem Schema der englischen Comedy of manners;  im Konflikt zwischen  (Common) Sense und Sensibility siegt  am Ende der gesunde Menschenverstand.

Einsträngig progressiver Handlungsaufbau:

Romanheld bewegt sich, handelnd oder leidend, auf dem Zeitstrahl voran, und der  Roman erzählt die Abfolge der Ereignisse, die mit  ihm geschehen; linear-progressiver Handlungsaufbau  ist einfaches,  aber oft benutztes
Grundmuster; in fast allen Abenteuerromanen.

Mehrsträngig progressiver Handlungsaufbau:

einfaches Modell ist das zweier paralleler  linear-progressiver Handlungen; laufen  in der Erzählung in Phasen zeitlich nacheinander, werden aber zeitlich nebeneinander vorgestellt.

Mehrsträngig progressiver und regressiver Handlungsaufbau:

Wenn  in der voranschreitenden Handlung eine andere, schon abgeschlossene, schrittweise  in die Vergangenheit zurückverfolgt wird,  so  ist  in die linear-progressive eine  linear-regressive Handlung eingebaut. Dies  ist das analytische Verfahren, das aus Kriminal- bzw. Detektivromanen bekannt  ist.

Anmerkung:  Natürlich  lassen sich  in Erzähltexten nicht nur zwei-,  sondern auch drei-, vier-, d.h. also wirklich mehr-strängige Handlungsstrukturen finden, in denen  linear-progressive wie -regressive Abläufe  in unterschiedlichen Weisen  zusammengebaut sind.  Lineare Abläufe selbst können dabei  schließlich aufgelöst oder z.B.  durch kreisförmige ersetzt werden.

Aufsteigender Handlungsverlauf / das Entwicklungsschema:

Geht es v. a.  um Charakterentwicklung,  spricht man von Entwicklungsroman (z.B.  ,'David Copperfield'  von Charles  DICKENS, 1812-1870). Steht Ausbildung des Geistes oder eines künstlerischen Talentes  im Mittelpunkt, empfiehlt sich Bezeichnung Bildungs- oder Erziehungsroman (z.B. ‚Wilhelm Meister'  von J. W. v. GOETHE, 1749-1832). Englischer  Entwicklungsroman betont Hinführung des Menschen zur Lebenstüchtigkeit, deutscher Bildungsroman dagegen die Selbstverwirklichung des  Individuums. Der eine bietet realistische Welterfahrung und geistvolle Unterhaltung,  der andere  (von WIELAND und GOETHE über STIFTER und KELLER bis hin zu HESSE)  normative Weltdeutung an. Beide Romanformen können episodische wie dramatische Handlungsstrukturen aufweisen.

Absteigender Handlungsverlauf / das  Desillusionierungsschema:

In deutscher Romanliteratur des 19. Jahrhunderts: v. a. Bemühen um positive Bildungsprozesse;  im übrigen Europa aber kommt zunehmend Typ des Desillusionierungsromans auf (z.B. ‚Rot und Schwarz' von STENDHAL, 1783-1843; ‚Ein Held unserer Zeit' von LERMONTOW, 1814-1841). Im Desillusionierungsroman treten Helden mit großen Erwartungen auf die Bühne,  ie zunehmend enttäuscht werden. Wo  im Bildungsroman GOETHEs die Handlung durch bewusste Willensentscheidungen der Helden vorangetrieben werden,  werden die Helden der
Desillusionierungsromane durch die Unfähigkeit zu solchen Willensentscheidungen am Ende unaufhaltsam in die Tiefe gezogen.

Desillusionierungsroman ist Standard  in der 2.  Hälfte des  19.  Jahrhunderts; weiteres berühmtes  Beispiel  (mit weiblicher Hauptfigur): ‚Madame Bovary' von Gustave FLAUBERT(1821- 1880).

Horizontaler Erzählfluss:

In anspruchsvoller moderner Epik kaum noch Entwicklungs- oder Desillusionierungsplot; in den meisten Romanen des 20. Jahrhunderts horizontaler Erzählfluss, der weder auf Höhepunkt hin gespannt ist noch von illusionärer Ausgangshöhe zu einem Punkt totaler Desillusionierung hin absinkt; Wirklichkeit wird zumeist als gleichmäßig und unerbittlich dahinfließender Strom des Bewusstseins (stream-of-consciousness-Technik) eingefangen; Erzählzeit oft Präsens (z.B. 'Ulysses' von James JOYCE, 1882-1941,  oder 'Berlin Alexanderplatz' von Alfred DÖBLIN bis hin zu 'Jahrestage' von Uwe JOHNSON, 1934-1984).