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Lord Peter Wimsey

Charakterisierung anhand des Romans "Aufruhr in Oxford"

Hintergründe

Um das Buch und die beschriebenen Charaktere in "Aufruhr in Oxford" von Dorothy L. Sayers ganz verstehen zu können, ist es erforderlich einige Hintergrundinformation über die Autorin und ihr Leben zu haben.

Dorothy L. Sayers wurde am 13. Juni 1893 als Tochter eines Pfarrers und Schuldirektors aus dem englischen Landadel in Oxford geboren. Sie wuchs friedlich in einer abgelegenen Pfarrei auf dem Lande auf. Als eine der ersten Frauen erhielt sie an der Universität in Oxford 1915 den Magistergrad. Schon während ihres Studiums begann sie zunächst religiöse Geschichten und Erzählungen zu schreiben, auch in ihren späteren Romanen scheint oft noch ihre christliche Grundhaltung durch.

Zunächst war sie Lehrerin, wechselte dann für 10 Jahre in eine Werbeagentur, um dort als Texterin zu arbeiten. Ihr Privatleben allerdings war oft eher unglücklich, nach mehreren gescheiterten Beziehungen und einem unehelichen Kind, das allerdings bei ihrer Cousine aufwuchs und um das sie sich nie gekümmert hat, heiratete sie 1926 den Journalisten Arthur Fleming. Die Ehe verlief auch unglücklich, ihr Mann kam mit ihrem wachsenden Erfolg nicht zurecht, gab jegliche Tätigkeit auf, behandelte sie schlecht und flüchtete sich schließlich in den Alkohol. Trotzdem dauerte die Ehe noch bis zum plötzlichen Tod des Ehemanns 1950 an. Völlig unerwartet starb Dorothy L. Sayers am 17. Dezember 1957 an Herzversagen.

Außer ihren bekannten Kriminalgeschichten schrieb Sayers diverse Theaterstücke, Artikel, Aufsätze, Briefe zu den unterschiedlichsten Themen und fertigte Übersetzungen klassischer Werke an.

Ihre Kriminalromane, der erste erschien 1923, der letzte 1936, sind trotz der fesselnden Handlung mehr als "nur" Krimis, und haben längst ihren Platz in der Literaturgeschichte erobert, da sie Personen psychologisch vertieft charakterisiert, der soziale Hintergrund gesellschaftskritisch und nicht ohne Ironie und Humor einbezogen und das Verbrechen stets auch in ethischer und theologischer Perspektive gesehen wird.

Viele Phasen ihres Lebens hat die Autorin literarisch verarbeitet, so ihre Kindheit in einer Landkirche, das Leben an der Universität ("Aufruhr in Oxford") oder die Arbeit in der Werbung.

Den Mann ihrer Träume fand Dorothy L. Sayers in der Wirklichkeit nie und gestaltete ihn so in ihren Büchern aus: Bereits in ihrem ersten Roman führte sie den "Helden" Lord Peter Wimsey ein, einen eleganten, finanziell unabhängigen und vor allem äußerst scharfsinnigen Amateurdetektiv, der aus moralischen Gründen Verbrechen aufklärt.

In ihrem sechsten Kriminalroman tritt erstmals die Kriminalautorin Harriet Vane auf, gewissermaßen das Ego von Sayers. Lord Peter Wimsey verliebt sich in sie, und in ihrem letzten Buch heiraten die beiden. Auch wenn die Autorin eine der fundamentalen Regeln für Kriminalromane, die besagt, das Liebesgeschichten in Kriminalromanen keinen Platz finden sollten, verletzt, gelingt es ihr trotzdem diese Beziehung realistisch mit einzubeziehen.

Einordnung in die Detektivtypologie

Lord Peter Wimsey ist Privatdetektiv, der also nicht fest angestellt ist, sich seine Fälle selbst aussuchen kann und bei der Aufklärung auf eigene Faust arbeitet.

Da er sich einen Namen als fähiger Detektiv gemacht hat, auch im Ausland bekannt ist und in vielen verschiedenen Kriminalfällen zu Hilfe gerufen wird, kann man ihn sicher als "Professional" bezeichnen, auch wenn er auf Bezahlung seiner Arbeit keinen großen Wert legt.

Zum Teil beschäftigt er sich mit seinen Fällen auch aus privaten Gründen, so zum Beispiel in dem im Roman "Aufruhr in Oxford" geschilderten Fall:

Als sich in einem Frauen-College in Oxford beängstigende Dinge ereignen - Schülerinnen und Lehrkräfte erhalten Drohbriefe, Gegenstände werden zerstört und sogar Mordanschläge verübt -, wird, da jedes Aufsehen, dass den Ruf des Colleges gefährden könnte, vermieden werden soll, zuerst die Kriminalautorin Harriet Vane, die ehemaliges College-Mitglied ist und das Vertrauen der College-Leitung genießt, herbeigerufen. Diese holt schließlich den ihr persönlich bekannten Lord Peter Wimsey zu Hilfe, der aufgrund seiner Gefühle gegenüber Harriet gern bereit ist, sich mit dem Fall zu beschäftigen.

Lord Peter Wimsey gehört eindeutig zum Typ des "Armchair Detektive". Wie für diese Art von Detektiven typisch wird er angetrieben durch die intellektuelle Herausforderung, die ein Kriminalfall darstellt, aber auch durch sein Pflichtgefühl der Allgemeinheit gegenüber und durch seinen Gerechtigkeitssinn. Lord Peter Wimsey ist also Detektiv, weil er sich durch seine Fähigkeit mit Menschen umzugehen dazu berufen fühlt. Gleichzeitig betreibt er diesen Beruf auch einfach als "Steckenpferd", weil ihm das Lösen von Kriminalfällen neben seiner zusätzlichen Tätigkeit als Diplomat im Ausland Spaß macht. Auch seine Methoden entsprechen denen des "Armchair-Detektive": Er bringt sich zwar beim Bearbeiten seiner Fälle zuweilen in Gefahr und wird auch gelegentlich verletzt, löst seine Fälle aber hauptsächlich mit Hilfe seiner Kombinationsgabe, indem er genau beobachtet, herumreist, Nachforschungen anstellt, Informationen sammelt und die Teile dann wie bei einem Puzzle zusammenfügt.

Herkunft/Werdegang/Lebensweise

Lord Peter Wimsey ist englischer Adeliger. Sein voller Name lautet "Peter Death Bredon Wimsey". Er stammt aus einer vornehmen und sehr reichen Familie; sein Bruder ist Herzog, und er selbst besitzt eine große Menge Geld.

Entsprechend seinem Stand ist er auch ausgebildet worden: Er hat in Oxford Geschichte studiert, galt dabei als einer der Begabtesten seines Jahrgangs; hat mit Auszeichnung promoviert und ist also eigentlich Historiker. Nach seinem Studium hat er sich jedoch von seiner Familie und deren Lebensweise eher distanziert, da er nicht das typische Leben eines englischen Adeligen führen wollte, zumal seine Hauptinteressen anderer als akademischer Art waren und er sich statt dessen zum Detektiv berufen fühlte.

Daher hat er nun eher eine Stellung als Einzelgänger, der am Hofe nicht besonders gern gesehen ist, von sich aus sein Zuhause und seine Familie meidet, der ein freies, unabhängiges Leben führt und sich in der Welt herumtreibt. Zu seinem Neffen Lord Saint-George allerdings hat er ein recht gutes Verhältnis, da er dadurch, dass er dem leichtsinnigen Jüngling häufig Geld, um seine Schulden zu bezahlen, zur Verfügung stellt, im Gegensatz zu dessen Eltern sein Vertrauen genießt.

Da er neben seiner Intelligenz eine außergewöhnliche Fähigkeit besitzt, mit Menschen umzugehen, arbeitet er als Diplomat für das Außenministerium. Aus diesem Grund befindet er sich ständig auf Reisen; oft weiß er selbst nicht, wohin er als nächstes geschickt wird und wann er zurückkommt. Auf seinen Reisen löst er zusätzlich Kriminalfälle und genießt deshalb einen Ruf als fähiger Detektiv. Auch aufgrund seines Aussehens und dieser Eigenschaften ist er besonders bei Frauen äußerst beliebt und wird von ihnen bewundert.

Aussehen und Charakter

Peter Wimsey wird allgemein als ein bemerkenswerter Mann angesehen.

Zum einen gilt er als außergewöhnlich gutaussehend: Er ist mittelgroß, besitzt eine schlanke Figur und hat blonde Haare, deren Farbe zum Beispiel mit dem "hellen Gelb reifer Gerste" verglichen wird. Kennzeichnend für ihn ist das kleine Monokel, das er ständig trägt. Außerdem wird auf sein "rasches, verstecktes" Lächeln, auf seine nicht zu verwechselnde Stimme und besonders auf seine schönen, sensiblen Hände, die er von seinen Vorfahren geerbt hat, hingewiesen.

Zum anderen ist er bekannt für seine guten Manieren und sein tadelloses Benehmen. Er gibt sich stets höflich , bescheiden und liebenswürdig, ist der tadellose Gentleman, der durch seine feinfühlige, redselige, scherzhafte und ein wenig spöttische Art die Menschen für sich gewinnen weiß.

In seiner Freizeit spielt Lord Peter Wimsey gerne und gut Kricket, sammelt seltene Bücher und Manuskripte und gilt als Weinkenner. Außerdem ist er berüchtigt, Verhältnisse mit verschiedenen Frauen in ganz Europa zu haben, zum Beispiel mit Wiener Opernsängerinnen.

Mit Hilfe seiner Redegewandtheit und Liebenswürdigkeit gelingt es ihm, den Menschen Informationen zu entlocken, ohne dass sie den Scharfsinn und die Gerissenheit dieses Mannes bemerken, der hinter der Fassade seiner Liebenswürdigkeit zielstrebig seine Ziele verfolgt.

Peter Wimsey ist stetig, geduldig, selbstbeherrscht, zielstrebig, gewissenhaft und bereit, hart zu arbeiten, so dass er oft angestrengt und übermüdet ist, ohne es sich anmerken zu lassen.

Er wird eher als jemand eingestuft, der Ordnung und Gleichgewicht schätzt, obwohl er sich auch, zum Beispiel für Literatur begeistern, selbst Gedichte schreiben und für Unerreichbares schwärmen kann. Gelegentlich benimmt er sich auch absonderlich, spielt zum Beispiel bei Hundeausstellungen den "Hanswurst". In Wahrheit ist dieses Verhalten aber nur Tarnung, wenn er sich auf einer Spur befindet.

Neben all seinen guten Eigenschaften verhält Lord Peter Wimsey sich gelegentlich arrogant, herablassend und eitel, was auf seinen hohen Stand und seinen Reichtum zurückzuführen ist. Dann gibt er anderen Menschen, zum Beispiel durch Großzügigkeit das Gefühl, ihnen überlegen zu sein, das Gefühl, sie stünden in seiner Schuld.

Lord Peter Wimsey gibt sich also nach außen hin stets tadellos perfekt, stark und überlegen. Er spricht dabei mit niemanden über seine wahren Gefühle, seine Privatinteressen, seine intimen Bedürfnisse oder seine Fehler und Schwächen, sondern verbirgt diese hinter der Fassade seiner Selbstbeherrschung und seines tadellosen Benehmens. Auch seine Lebensweise stellt für ihn einen Schutzwall dar, hinter dem er sein Inneres vor der Außenwelt, und auch vor sich selbst versteckt, da er viel Aufregendes erlebt, stets viel Arbeit und viel zu erledigen hat und sich daher kaum mit sich selbst beschäftigen muss. Diese "innere Seite " seines Charakters wird erst offenbart, als er Harriet Vane kennen lernt, da es ihr gelingt, ihn aus seinem Schutzpanzer herauszuzwingen, so dass er begreift, dass er zu der Wahrheit stehen und aufhören muss, vor sich selbst davonzulaufen.

Beziehung zu Harriet Vane

Viel mehr Bedeutung als den Ermittlungsmethoden Peter Wimseys wird in dem Roman "Aufruhr in Oxford" seiner Beziehung zu der Kriminalautorin Harriet Vane beigemessen, einer Beziehung, die in ihrer Entstehung und Entwicklung nicht immer leicht zu erklären ist, die man aber folgendermaßen verstehen kann:

Wichtig für die Entwicklung der Beziehung zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane sind die Umstände, unter denen sie sich kennen gelernt haben: Als Harriet zu Unrecht wegen Mordes angeklagt im Gefängnis sitzt, kommt Peter Wimsey hinzu, klärt den Fall auf und rettet Harriet so vor dem Galgen. Peter, dessen Leben aus Reisen, Geschäften, dem Lösen von Kriminalfällen und Vergnügen besteht, der seine Gefühle hinter einer Fassade aus tadellosem Benehmen verbirgt, der nicht glaubt, dass "eine Frau ihm mehr bedeuten könnte als Zeitvertreib und billiges Vergnügen", verliebt sich ernsthaft in Harriet und möchte sie heiraten, weil sie ihn dazu bringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, zu erkennen, worauf es wirklich ankommt, zu seinen Gefühlen und auch seinen Fehlern und Schwächen zu stehen und die Wahrheit über sich zu offenbaren.

Harriet aber weigert sich fünf Jahre lang, ihn zu ihrem Mann zu nehmen und wehrt sich gegen die Gefühle, die auch sie für ihn hat. Schließlich erkennt sie, dass Peter nicht auf sie herabschaut und sich ihr in keiner Weise überlegen fühlt, sondern sie, ihre Einstellungen, Interessen, Bedürfnisse und auch ihren Wunsch, eigenständig und unabhängig zu sein, akzeptiert und sie mit sich auf eine Stufe stellt. Schließlich erklärt sie sich einverstanden, ihn zu heiraten.

Leonie ten Hagen & Maren Krebs

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