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Eine Typologie der Detektive und Detektivinnen

(aus Deutschbuch 10. Cornelsen Verlag Berlin, 2000. S. 171ff. )

 

Im Mittelpunkt eines Kriminalromans, eines Kriminalfilms oder einer Krimiserie im Fernsehen steht der Detektiv oder die Detektivin. Er oder sie ist die Hauptfigur, die den Fall löst, den Täter zur Strecke bringt, die gestörte Ordnung wieder herstellt. Mit dieser Figur identifizieren sich die Leser/innen oder Zuschauer/innen. Besonders stark wird diese Identifikation, wenn der Detektiv bzw. die Detektivin wie in den meisten Serienkrimis des Fernsehens, aber auch in vielen Roman- und Kinofilmreihen, immer wiederkehrt. Manche von ihnen sind zu wahren Kultfiguren geworden und haben ein Eigenleben entwickelt, das sie mit Berühmtheiten aus der realen Welt nahezu gleichsetzt. Sie sind Individuen mit einem eigenen Charakter, aber sie weisen auch - mehr als andere literarische Figuren - stereotype Züge auf, das heißt, sie haben festgelegte Merkmale und lassen sich bestimmten Personentypen zuordnen.

Zwei Typengruppen haben sich für die Charakterisierung der Detektive und Detektivinnen als besonders wichtig erwiesen:

* Der Polizeidetektiv/die Polizeidetektivin, der "Cop" im englischsprachigen Raum, steht dem Privatdetektiv/der Privatdetektivin, dem "Private Investigator", abgekürzt "P.I." oder lautspielerisch auch "Private Eye" genannt, gegenüber. Der Polizeidetektiv handelt im Auftrag der Öffentlichkeit, kann sich seine Fälle nicht aussuchen, hat viel Routinearbeit zu erledigen, kann sich andererseits aber auch bei seiner Aufklärungsarbeit auf den Polizeiapparat stützen. Bei allem, was er tut, ist er prinzipiell an Recht und Gesetz gebunden, kann damit aber in Konflikt geraten, wenn er seinem eigenen Gerechtigkeitsempfinden folgt oder sich im Dienst einer höheren Gerechtigkeit sieht. Bei den Privatdetektiven ist noch einmal zu unterscheiden zwischen den Professionals, die sich von Klienten anheuern lassen und für ihre Arbeit bezahlt werden, und den Amateurdetektiven, die sich aus privaten Gründen (Beziehung zum Mordopfer, zu den Hinterbliebenen, aus Gerechtigkeitsgefühl oder bloßer Neugier) dazu berufen fühlen, einen Fall zu lösen.

 

* Dem Typ des "Armchair Detective" steht der "Hardboiled Dick" gegenüber, zwei Fachbegriffe aus dem Bereich der Kriminalliteratur, deren Wurzeln im englischsprachigen Raum liegen. Der Armchair Detective stammt aus dem England zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Seine erste perfekte Verkörperung fand er in Sherlock Holmes, dem Helden der Erzählungen und Romane Arthur Conan Doyles. Seine Fortsetzung folgte in Hercule Poirot und Miss Marple, den wohl beliebtesten Figuren dieser Art von Detektiven, geschaffen von Agatha Christie.  Der Armchair Detective löst seine Fälle, wie der Name schon andeutet, sozusagen aus dem Sessel. Er gebraucht lediglich "seine grauen Zellen", um es mit Hercule Poirots Lieblingswendung auszudrücken. Mit Hilfe seines Scharfsinns und seiner Kombinationsgabe fügt er alle Informationen, die meist auch die Leser/innen oder Zuschauer/innen haben, so zusammen, dass ein klares Bild vom Tathergang, dem Täter und seinen Motiven entsteht. Für diesen Typ von Detektiv/Detektivin ist jeder Mord eine Art Puzzle oder ein Rätsel, das es zu entschlüsseln gilt. Angetrieben wird der klassische Armchair Detective von der intellektuellen Herausforderung, die ihm ein Fall stellt, ihm geht es nicht in erster Linie um den Sieg der Gerechtigkeit, noch weniger um eine finanzielle Entlohnung. Häufig hat dieser Typ von Detektiv einen Helfer zur Seite, der für ihn die Laufarbeit erledigt und der die Fragen stellt, die Leser/innen oder Zuschauer/innen gern stellen würden und die dem Meister Gelegenheit geben, seine überlegene Intelligenz glänzen zu lassen. Wie schon Sherlock Holmes seinen Dr. Watson, so hatte z.B. Derrick seinen Harry.

Als Gegenentwurf zum englischen Rätselkrimi entstand im Amerika der 30er- und 40er- Jahre der realistische Kriminalroman. Die Krimihandlung wurde aus der Atmosphäre des englischen Landhauses auf die Straße geholt. An die Stelle des intellektuellen Armchair Detectives, der sich seine Hände nicht schmutzig machte, tritt der Hardboiled Dick, der hartgesottene, ausgekochte Kerl, der vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckt. Er ist der Nachfolger des Westernhelden und wie dieser ein einsamer Wolf, dem es um nichts anderes zu gehen scheint, als sich durchs Leben zu schlagen und die eigene Existenz zu sichern. Die Wildnis, in der er ums Überleben kämpft, ist allerdings nicht mehr der Wilde Westen, das weite Land jenseits der Zivilisation, sondern das Dickicht der modernen Großstadt. Recht und Gesetz spielen in beiden Bereichen keine allzu große Rolle und der Hardboiled Dick, ob Private Eye oder Cop, unterscheidet sich in der Wahl seiner Mittel oft kaum von den Schurken, die er verfolgt. Seine Fälle behandelt er lediglich als Job, irgendwelche Ideale wie Gerechtigkeit oder die Wiederherstellung einer sinnvollen Ordnung scheinen ihm fremd zu sein. Doch hinter der Kälte und dem Zynismus, die er nach außen an den Tag legt, verbirgt sich oft eine unvermutete Menschlichkeit, eine selbstlose Hilfsbereitschaft und ein ganz gefühlsbedingter Gerechtigkeitssinn. So recherchieren die Hardboiled Dicks zuweilen weiter, auch wenn ihre Auftraggeber oder Vorgesetzten den Fall für abgeschlossen halten und für allen weiteren Einsatz nur Ärger und Verluste herausspringen können. Vorbilder dieses Typs von Detektiven sind die Helden der Romane von Raymond Chandler und Dashiell Hammett: Philip Marlowe und Sam Spade.

 

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