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Beispielporträt zur Erstellung eigener Detektivporträts

(aus Deutschbuch 10. Cornelsen Verlag Berlin, 2000. S. 173f.)

Porträt der Detektivin V.I. Warshawski

Die amerikanische Autorin Sara Paretsky begann in den 80er-Jahren Kriminalromane zu schreiben, in denen sie eine Detektivin auf Verbrecherjagd schickte: V.I. Warshawski. V.I. steht für Victoria Iphigenia. Statt dieser Vornamen benutzt Vic, wie sie von ihren Freunden genannt wird, lieber die Initialen, da es für sie im Detektivgewerbe leichter ist, Kunden zu finden, wenn sie nicht schon im Branchenverzeichnis ihr Geschlecht preisgibt.

Das folgende Porträt der Detektivin orientiert sich am Roman "Deadlock" (erschienen 1988 im Verlag R. Piper, München):

Die Heldin gehört zum Typ des P.I., des Private Eye. Sie hat eine Lizenz als Privatdetektivin in Chicago, Spezialgebiet Wirtschaftskriminalität. Sie arbeitet im "Deadlock"-Fall allerdings weder auf ihrem Spezialgebiet noch im  Auftrag eines Kunden, sondern klärt den Mord an ihrem Vetter auf, an dem sie seit ihren Kindertagen sehr hängt. Dass sie dann doch in den Bereich der Wirtschaftsverbrechen gerät, hat damit zu tun, dass ihr ermordeter Vetter unsauberen Machenschaften im Frachtschiffverkehr auf den großen Seen vor den Toren Chicagos auf der Spur war.

Man kann V.I. Warshawski ganz eindeutig dem Typ des Hardboiled Dicks zuordnen, auch wenn sie eine Frau ist. Sie ist eine Einzelgängerin, lebt als Single in einer meist unaufgeräumten Wohnung in einem alles andere als vornehmen Viertel im Norden Chicagos. In ihrem Leben scheint es nur zwei wichtige Personen zu geben: ihre mütterliche Freundin Lotty Herschel, eine Ärztin, die es allerdings bisweilen leid ist, V.I. nach Unfällen bei ihren waghalsigen Unternehmungen immer wieder zusammenzuflicken oder ihr Unterschlupf zu gewähren, wenn der Verbleib in ihrer Wohnung zu gefährlich geworden ist, und den Gerichtsreporter Murray Ryerson, mit dem sie eine Beziehung unterhält, die das Nützliche (Informationsaustausch) mit dem Angenehmen (er ist gelegentlich ihr Liebhaber) verbindet, ohne aber zu einer engeren Bindung zu führen. Sie schätzt ihr freies Leben, bei dem sie sich jedoch recht mühsam durchschlagen muss, da ihre Aufträge nicht allzu gewinnbringend sind. Ihr kleines Büro wirkt schäbig und liegt im vierten Stock eines heruntergekommenen Hochhauses. Auf Mode und feinen Lebensstil legt sie keinen Wert, wenn sie auch hin und wieder Jeans und T-Shirt mit eleganterem Outfit tauscht und nobel essen geht.

Sie hat ein äußerst lebhaftes Temperament, wird rasch wütend, verliert dabei recht schnell die Beherrschung und neigt dazu, handgreiflich zu werden. Angst vor gewalttätigen Auseinandersetzungen scheint sie nicht zu kennen. Als sie in ihrer Wohnung einen Einbrecher vermutet, bewaffnet sie sich mit einem Bronzepokal als Schlagwaffe und schleicht sich auf Strümpfen an, statt die Flucht zu ergreifen und die Polizei zu alarmieren. In noch bedrohlicheren Situationen verlässt sie sich gern auf ihre Smiss & Wesson. Im Umgang mit ihren Mitmenschen, besonders, wenn es sich um die weniger freundlich gesinnten handelt, wirkt sie schlagfertig, um kesse Sprüche nie verlegen, in ihren Äußerungen bis zur Taktlosigkeit direkt. Sie hat, wie sie selbst sagt, auf der Straße gelernt, sich ihrer Haut zu wehren. Auf den Anblick einer schrecklich zugerichteten Leiche reagiert sie abgebrüht und kaltschnäuzig. Wird sie selbst schwer verletzt, was auf Grund ihrer aggressiven Ermittlungsmethoden immer wieder geschieht, erweist sie sich als hart und zäh. Zur Erholung reichen ihr ein heißes Bad und ein Whisky, dem sie wie fast alle ihre hartgesottenen Kollegen überhaupt zugetan ist. In der Verfolgung ihrer Ziele ist sie halsstarrig und dickköpfig. Nur gelegentlich bricht ihre harte Schale auf und sie gestattet sich Tränen.

Sie stammt aus einfachen Verhältnissen, aus einem polnisch-italienischen Elternhaus im armen Süden Chicagos. Der Vater war von Beruf Polizist. Daher kommt es, dass V.I. recht gute Beziehungen zur Polizei hat, wenn auch Lieutenant Bob Mallory, ein alter Freund ihres Vaters, ihr dauernd zu verstehen gibt, dass er sie viel lieber als Hausfrau und Mutter sehen würde. Nach der Schule hat sie Jura studiert und wurde dann Pflichtverteidigerin. Diesen sicheren Job gab sie auf, weil sie die Ungerechtigkeiten im amerikanischen Justizsystem nicht ertragen konnte und auf eigene Faust für Ausgleich sorgen wollte.

So ist es bezeichnend für sie, dass sie, nachdem sie den Tod ihres Vetters aufgeklärt hat, den Fall nicht abschließt, sondern den großen Bossen das Handwerk legen will, hinter deren kriminelles Vorgehen im Kampf um Marktanteile im Frachtverkehr sie gekommen ist. Ihre Motive sind damit durchaus uneigennützig und menschenfreundlich, zielen ihre Aktionen letztlich doch auf eine Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Methoden allerdings, mit denen sie dabei vorgeht, lassen diese Menschenfreundlichkeit nicht erkennen und wirken recht skrupellos. Ihr Motto scheint zu sein: Der Zweck heiligt die Mittel. Sie lügt, täuscht, geht als blinder Passagier an Bord eines Schiffes und begeht Einbrüche, wenn sie anders ihre Beweismittel nicht erlangen kann. Am Ende ihres einsamen Rachefeldzugs wird der Hauptverbrecher, ein reicher Reeder, auch nicht der Justiz überstellt, sondern V.I. bezwingt ihn in einer Art Show-down und er erleidet einen grausigen Tod. In diesem Kampf beweist sie einmal mehr ihre körperliche Fitness, die sie durch tägliches Jogging erhält.

 

Gliederungshilfe für den Aufbau des Porträts

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