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Geschichte Mitteldeutschland


Johann Joachim Winckelmann
Altertumsforscher

geb. 9. Dezember 1717 in Stendal/ Sachsen-Anhalt
ermordet 8. Juni 1768 in Triest/ Italien


" (...) und wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winckelmanns Tode zwischen uns nieder."

Johann Wolfgang von Goethe

Ohne das wissenschaftliche Werk Johann Joachim Winckelmanns ist die klassische Archäologie heute nicht mehr denkbar. Ist sein Wirken auch unverzichtbar für den geschärften Blick auf die Antike, so ist sein Tod immer wieder Anlaß für Spekulationen gewesen, die selbst 1964 nach Veröffentlichung der Mordakte nicht nachließen. Johann Joachim Winckelmann wurde am 9. Dezember 1717 als einziges Kind des Schuhmachers Martin Winckelmann und seiner Frau Anna Maria in Stendal in der Altmark geboren. Er wuchs unter ärmlichen Bedingungen auf. Sein Geburtshaus besaß neben einer Küche und einem Flur nur einen kleinen Raum, der gleichzeitig als Wohn-, Arbeits- und Schlafraum diente. Zudem litt der Vater an Epilepsie und die Mutter an einer Herzschwäche. Trotz aller Schwierigkeiten unterstützten die Eltern ihren begabten Sohn, wie sie es vermochten.

Nachdem Winckelmann seit 1723 die Grundschule besucht hatte, wechselte er vermutlich 1727 an die Städtische Lateinschule. Um seine Eltern finanziell zu entlasten, ließ sich Winckelmann in den Kreis der Kurrendeschüler aufnehmen. Die Kurrende gab mittellosen Schülern die Möglichkeit, Kleidung, Schulbücher und freien Schulunterricht selbst zu verdienen, indem sie zu kirchlichen Anlässen gegen Bezahlung sangen. In der kleinen Bibliothek der Lateinschule bekam Winckelmann zum ersten Mal Kontakt mit griechischen und lateinischen Autoren. 1733 wurde Winckelmann die Aufsicht über die Bibliothek übertragen, nachdem er ein Jahr zuvor bereits zum Gehilfen seines Rektors Tappert geworden war.
Auf Empfehlung seines Rektors wechselte Winckelmann 1735 an das Cöllnsche Gymnasium in Berlin. Er wollte vor allem seine Kenntnisse der griechischen und lateinischen Sprache verbessern, deren Erwerb in Stendal auf das bloße Lesen von Katechismus und Bibel beschränkt gewesen war. Häufig nutzte Winckelmann die Königliche Bibliothek mit ihren rund 50.000 Bänden, um sein Wissen zu vervollkommnen. In Berlin begann auch seine Vorliebe für den griechischen Dichter Homer, die dem Griechischunterricht des späteren Rektors Damm entsprang.

Im Herbst kehrte Winckelmann nach Stendal zurück und ließ sich kurz darauf in Salzwedel, unweit von Stendal, am Gymnasium einschreiben. Dort arbeitete er nebenbei als Hilfslehrer.
Am 4. April 1738 trug sich Winckelmann an der Hallenser Universität für ein Theologiestudium ein. Obwohl eher den Naturwissenschaften zugeneigt, zwangen ihn finanzielle Umstände zu dieser Wahl. Bereits 1734 hatte sich Winckelmanns Vater mit der Bitte an die Stendaler Ratsherren gewandt, seinen Sohn zu unterstützen. Die Meinung vertretend, ein Sohn könne nichts besseres werden als der Vater, wurden diese Anträge immer wieder abgelehnt. Erst 1739 erhielt Winckelmann ein Stipendium, das auf zwei Jahre befristet wurde. Auf Initiative seines ehemaligen Rektors erhielt Winckelmann außerdem ein Bücherstipendium der „Alten Schönbecker Stiftung", einer von der Witwe des verstorbenen Stendaler Bürgermeisters Schönbeck initiierten Stiftung zur Unterstützung mittelloser Studenten.

Am 22. Februar 1740 verließ Winckelmann die Hallenser Universität mit mäßigen Ergebnissen. Er bezeichnete sich selbst als einen „pseudotheologicus". Nach kurzer Arbeit in der Bibliothek des Kanzlers der Hallenser Universität von Ludewig trat Winckelmann schließlich als Hauslehrer in die Dienste des Oberst von Grollmann in Osterburg, einer Kleinstadt nördlich von Stendal. Schon im Mai 1741 zog es Winckelmann an die Jenaer Universität, um Medizin und Sprachen zu studieren und zwei Jahre später eine Stelle als Konrektor an der Lateinschule in Seehausen/Altmark anzunehmen. Nach Intrigen von Neidern und Beschwerden von Eltern, Winckelmann würde ihre Kinder im Griechischunterricht überfordern, beendete Winckelmann 1748 dieses Arbeitsverhältnis. Später nannte er die Zeit im kleinbürgerlichen und preußisch intoleranten Seehausen eine schwere, aber nützliche Beschäftigung.

Anfang September begann Winckelmann eine Tätigkeit als Bibliothekar beim Grafen von Bünau auf Schloß Nöthnitz bei Dresden. Der Graf von Bünau besaß mit 42.139 Bänden eine der größten deutschen Privatbibliotheken des 18. Jahrhunderts. Winckelmanns Aufgabe bestand jedoch nicht darin, den Universitätskatalog zu ordnen, sondern Material für von Bünaus Geschichtswerk „Teutsche Kaiser- und Reichshistorie" zu sondieren. Der Aufenthalt auf Schloß Nöthnitz, einem Treffpunkt der hervorragendsten Gelehrten seiner Zeit, und die Nähe zum kunsthistorisch interessanten Dresden, gaben Winckelmann einen enormen Auftrieb für seine Forschungen. Bei dem Maler Adam Friedrich Oeser, den er auf Schloß Nöthnitz kennengelernt hatte, wohnte Winckelmann nach seinem Ausscheiden aus von Bünaus Diensten im Oktober 1754. Oeser führte Winckelmann in die dortige Künstlerszene ein. Die Dresdner Zeit prägte Winckelmann in seinem Verständnis für zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie.

1755 erschien Winckelmanns erste Schrift „Gedancken über die Nachahmung der Griechischen Wercken in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst". Obwohl auf nur 50 Exemplare begrenzt, um sie, so Winckelmann, „rar zu halten", erregte die Schrift bald großes Aufsehen. Winckelmann riet den zeitgenössischen Künstlern, nach dem Vorbild der antiken Künstler zu arbeiten. Diese Abkehr vom höfischen Barock hin zu der am Stadtstaat orientierten Kunst der Antike war wahrhaft revolutionär.
Winckelmanns großer Traum war schon immer eine Reise nach Rom, um die Antike studieren zu können. Auf Schloß Nöthnitz hatte er die Bekanntschaft des päpstlichen Botschafters Graf Alberigo Archinto gemacht, der Winckelmann nach seiner Dresdner Abberufung mit nach Rom nehmen wollte. Winckelmann mußte zu diesem Zweck zum katholischen Glauben konvertieren. Nach dreijährigem inneren Kampf, unter dem auch seine Gesundheit litt, konvertierte Winckelmann im Sommer 1754.

Am 18. November 1755 erreichte Winckelmann Rom. Sein Aufenthalt, durch ein Stipendium des sächsischen Kurfürsten abgesichert, war zunächst für zwei Jahre geplant. Die antiken Bauten Roms machten auf Winckelmann einen phänomenalen Eindruck, so daß die erste Zeit mit ausgedehnten Spaziergängen ausgefüllt war. Schnell stellte Winckelmann Kontakte zu Römer Künstlern und Gelehrten her. Mit dem Maler Mengs, einem der bedeutendsten frühklassizistischen Künstler seiner Zeit, verband ihn eine jahrelange Freundschaft. 1756 wurde Winckelmann Bibliothekar bei Archinto, der inzwischen Erster Minister und Kardinalssekretär geworden war.

Von September 1758 bis April 1759 arbeitete Winckelmann in Florenz. Der verstorbene Baron Philipp von Stosch, mit dem Winckelmann im Briefwechsel gestanden hatte, hatte diesen testamentarisch um die Publikation seiner Sammlung von Gemmen, geschnittenen Steinen mit vertieftem Bild, gebeten. Florenz erschien Winckelmann als „der schönste Ort, den ich in meinem Leben gesehen". Er begnügte sich bei seiner Arbeit nicht mit der bloßen Systematisierung, sondern schrieb auch Abhandlungen über ausgesuchte Stücke, die in der Gemmenforschung Maßstäbe setzten.
Nach Rom zurückgekehrt, wurde Winckelmann nach dem Tode Archintos Bibliothekar bei Kardinal Alessandro Albani, einem der großen Altertumsforscher. Durch den vertraulichen Umgang mit dem Kardinal und dessen Wechsel in die Bibliothek des Vatikans, erhielt Winckelmann bald Zugang zur Päpstlichen Bibliothek.

Als am 30. März 1763 der Präsident der Altertümer von Rom, Abbate Rodolfino Venuti, starb, wurde Winckelmann sein Nachfolger als päpstlicher Antiquarius. Bereits am 11. April erhielt er seine Ernennungsurkunde. Winckelmann besaß in dieser Position großen Einfluß. So bedurfte die Ausfuhr von Antiken seiner Genehmigung und jeder Fundort mußte ihm gemeldet werden. Da der Posten aber wenig einträglich war, bemühte sich Winckelmann um eine Stelle an der Vatikanischen Bibliothek, die er auch erhielt. Winckelmann wurde Scrittore teutonica - der für die deutsche Sprache zuständige Bibliotheksschreiber. Ein Jahr später erhielt er die Anwartschaft auf den Schreiber der griechischen Sprache. Diese Berufung, die ihm das volle Gehalt eines Schreibers zusicherte, teilte ihm der Papst persönlich mit. In diesem Jahr wurde Winckelmann gebeten, dem Papst aus seinem Buch „Monumenti antichi", mit bisher unveröffentlichten Denkmalsbeschreibungen, vorzulesen.
Winckelmann-Museum
Stendal

Anfang 1764 erschien Winckelmanns Hauptwerk „Geschichte der Kunst des Alterthums", verlegt bei Walther in Dresden. Winckelmann beschreibt darin die Entwicklung der Kunst anhand verschiedener Stilepochen. Das Werk ist ein hervorragendes Instrumentarium zur Klassifizierung klassischer Kunstwerke. Während seines gesamten Lebens arbeitete Winckelmann daran weiter und schon 1767 folgten die „Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Alterthums".
Winckelmann befand sich auf der Höhe seines Ruhms. Er war Mitglied namhafter Akademien, wie der Accademia di San Luca Roma, der Society of Antiquaries London oder der Göttinger Akademie. Seine Studien wurden geschätzt, hatte er doch als einer der Ersten den Blick auf die griechische Kunst gelenkt.

Schon lange hatte Winckelmann den Wunsch, Deutschland wieder zu besuchen. Gemeinsam mit dem Bildhauer Cavaceppi, dessen Restaurationskünste in Rom sehr begehrt waren, brach er am 10. April 1767 auf. Während der Durchquerung der Tiroler Alpen erkrankte Winckelmann. Vor allem sein psychischer Zustand verschlechterte sich; die Berge schienen ihm erdrückend. Dem Freunde zuliebe fuhr er noch bis Regensburg mit, um dann mit Cavaceppi umzukehren. Auf der Rückreise in Wien Station machend, wurden sie von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia empfangen. Nach einem Fieberanfall reiste Winckelmann weiter nach Triest, wo er am 1. Juni ankam. Von dort wollte er ein Schiff nach Ancona nehmen, um nach Rom zu gelangen. Die Abfahrt verzögerte sich jedoch um einige Tage und am 8. Juni 1768 wurde Winckelmann das Opfer eines Mordes. Francesco Arcangeli, ein wegen Diebstahl vorbestrafter Koch, versuchte Winckelmann erst zu erdrosseln und verletzte ihn dann mit sieben Stichen, von denen vier tödlich waren. Winckelmann hatte Arcangeli, der im Hotel sein Zimmernachbar war, zuvor einige wertvolle Münzen gezeigt.
Zwei Tage später wurde Winckelmann auf dem Friedhof von San Giusto beigesetzt. Arcangeli wurde kurz nach der Tat gefaßt und am 20. Juli 1768 auf der Piazza San Pedro öffentlich hingerichtet.

Das Wirken Winckelmanns war umfassend. Er beeinflußte Lessing, Herder und Goethe und gilt als Wegbereiter der klassischen Archäologie als einer modernen Wissenschaft. Sein Einfluß auf den europäischen Klassizismus ist nicht zu unterschätzen. Durch seinen von Sehnsucht und Freiheitsliebe geprägten Blick auf die Antike wurde Winckelmann Vorbild für alle humanistisch orientierten Geistesströmungen jener Zeit.

Kurz nach der Gründung des Instituts der archäologischen Korrespondenz feierten die dortigen Mitgliedern seinen Geburtstag und ehrten ihn als den Mentor der Archäologie. 1955 wurde in Zusammenarbeit der Stadt Stendal und der 1940 gegründeten Winckelmann-Gesellschaft das Winckelmann-Museum eröffnet. Es steht in Stendal an der Stelle des Geburtshauses Winckelmanns und ist auch Sitz der Winckelmann-Gesellschaft.

Literatur:

  • Winckelmann-Museum Stendal, Mainz 1996.
  • Kunze, Max: „...die Augen ein wenig zu öffnen", Mainz 1991.
  • Heres, Gerald: Winckelmann in Sachsen, Berlin/Leipzig 1991.

Informationen:

  • Frau Dr. Stephanie-Gerrit Bruer
    Winckelmann-Museum Winckelmannstr. 36/37
    39576 Stendal
    Tel./Fax: 03931-212026

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