" (...) und wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winckelmanns Tode zwischen uns nieder." Johann Wolfgang von Goethe Ohne das wissenschaftliche Werk Johann Joachim Winckelmanns ist die klassische Archäologie heute nicht mehr denkbar. Ist sein Wirken auch unverzichtbar für den geschärften Blick auf die Antike, so ist sein Tod immer wieder Anlaß für Spekulationen gewesen, die selbst 1964 nach Veröffentlichung der Mordakte nicht nachließen. Johann Joachim Winckelmann wurde am 9. Dezember 1717 als einziges Kind des Schuhmachers Martin Winckelmann und seiner Frau Anna Maria in Stendal in der Altmark geboren. Er wuchs unter ärmlichen Bedingungen auf. Sein Geburtshaus besaß neben einer Küche und einem Flur nur einen kleinen Raum, der gleichzeitig als Wohn-, Arbeits- und Schlafraum diente. Zudem litt der Vater an Epilepsie und die Mutter an einer Herzschwäche. Trotz aller Schwierigkeiten unterstützten die Eltern ihren begabten Sohn, wie sie es vermochten. Nachdem Winckelmann seit 1723 die Grundschule besucht hatte, wechselte er
vermutlich 1727 an die Städtische Lateinschule. Um seine Eltern finanziell
zu entlasten, ließ sich Winckelmann in den Kreis der Kurrendeschüler
aufnehmen. Die Kurrende gab mittellosen Schülern die Möglichkeit,
Kleidung, Schulbücher und freien Schulunterricht selbst zu verdienen, indem
sie zu kirchlichen Anlässen gegen Bezahlung sangen. In der kleinen
Bibliothek der Lateinschule bekam Winckelmann zum ersten Mal Kontakt mit
griechischen und lateinischen Autoren. 1733 wurde Winckelmann die Aufsicht über
die Bibliothek übertragen, nachdem er ein Jahr zuvor bereits zum Gehilfen
seines Rektors Tappert geworden war. Im Herbst kehrte Winckelmann nach Stendal zurück und ließ sich
kurz darauf in Salzwedel, unweit von Stendal, am Gymnasium einschreiben. Dort
arbeitete er nebenbei als Hilfslehrer. Am 22. Februar 1740 verließ Winckelmann die Hallenser Universität mit mäßigen Ergebnissen. Er bezeichnete sich selbst als einen pseudotheologicus". Nach kurzer Arbeit in der Bibliothek des Kanzlers der Hallenser Universität von Ludewig trat Winckelmann schließlich als Hauslehrer in die Dienste des Oberst von Grollmann in Osterburg, einer Kleinstadt nördlich von Stendal. Schon im Mai 1741 zog es Winckelmann an die Jenaer Universität, um Medizin und Sprachen zu studieren und zwei Jahre später eine Stelle als Konrektor an der Lateinschule in Seehausen/Altmark anzunehmen. Nach Intrigen von Neidern und Beschwerden von Eltern, Winckelmann würde ihre Kinder im Griechischunterricht überfordern, beendete Winckelmann 1748 dieses Arbeitsverhältnis. Später nannte er die Zeit im kleinbürgerlichen und preußisch intoleranten Seehausen eine schwere, aber nützliche Beschäftigung. Anfang September begann Winckelmann eine Tätigkeit als Bibliothekar beim Grafen von Bünau auf Schloß Nöthnitz bei Dresden. Der Graf von Bünau besaß mit 42.139 Bänden eine der größten deutschen Privatbibliotheken des 18. Jahrhunderts. Winckelmanns Aufgabe bestand jedoch nicht darin, den Universitätskatalog zu ordnen, sondern Material für von Bünaus Geschichtswerk Teutsche Kaiser- und Reichshistorie" zu sondieren. Der Aufenthalt auf Schloß Nöthnitz, einem Treffpunkt der hervorragendsten Gelehrten seiner Zeit, und die Nähe zum kunsthistorisch interessanten Dresden, gaben Winckelmann einen enormen Auftrieb für seine Forschungen. Bei dem Maler Adam Friedrich Oeser, den er auf Schloß Nöthnitz kennengelernt hatte, wohnte Winckelmann nach seinem Ausscheiden aus von Bünaus Diensten im Oktober 1754. Oeser führte Winckelmann in die dortige Künstlerszene ein. Die Dresdner Zeit prägte Winckelmann in seinem Verständnis für zeitgenössische Kunst und Kunsttheorie. 1755 erschien Winckelmanns erste Schrift Gedancken über die
Nachahmung der Griechischen Wercken in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst".
Obwohl auf nur 50 Exemplare begrenzt, um sie, so Winckelmann, rar zu
halten", erregte die Schrift bald großes Aufsehen. Winckelmann riet
den zeitgenössischen Künstlern, nach dem Vorbild der antiken Künstler
zu arbeiten. Diese Abkehr vom höfischen Barock hin zu der am Stadtstaat
orientierten Kunst der Antike war wahrhaft revolutionär. Am 18. November 1755 erreichte Winckelmann Rom. Sein Aufenthalt, durch ein Stipendium des sächsischen Kurfürsten abgesichert, war zunächst für zwei Jahre geplant. Die antiken Bauten Roms machten auf Winckelmann einen phänomenalen Eindruck, so daß die erste Zeit mit ausgedehnten Spaziergängen ausgefüllt war. Schnell stellte Winckelmann Kontakte zu Römer Künstlern und Gelehrten her. Mit dem Maler Mengs, einem der bedeutendsten frühklassizistischen Künstler seiner Zeit, verband ihn eine jahrelange Freundschaft. 1756 wurde Winckelmann Bibliothekar bei Archinto, der inzwischen Erster Minister und Kardinalssekretär geworden war. Von September 1758 bis April 1759 arbeitete Winckelmann in Florenz. Der
verstorbene Baron Philipp von Stosch, mit dem Winckelmann im Briefwechsel
gestanden hatte, hatte diesen testamentarisch um die Publikation seiner Sammlung
von Gemmen, geschnittenen Steinen mit vertieftem Bild, gebeten. Florenz erschien
Winckelmann als der schönste Ort, den ich in meinem Leben gesehen".
Er begnügte sich bei seiner Arbeit nicht mit der bloßen
Systematisierung, sondern schrieb auch Abhandlungen über ausgesuchte Stücke,
die in der Gemmenforschung Maßstäbe setzten. Anfang 1764 erschien Winckelmanns Hauptwerk Geschichte der Kunst des
Alterthums", verlegt bei Walther in Dresden. Winckelmann beschreibt darin
die Entwicklung der Kunst anhand verschiedener Stilepochen. Das Werk ist ein
hervorragendes Instrumentarium zur Klassifizierung klassischer Kunstwerke. Während
seines gesamten Lebens arbeitete Winckelmann daran weiter und schon 1767 folgten
die Anmerkungen über die Geschichte der Kunst des Alterthums".
Schon lange hatte Winckelmann den Wunsch, Deutschland wieder zu besuchen.
Gemeinsam mit dem Bildhauer Cavaceppi, dessen Restaurationskünste in Rom
sehr begehrt waren, brach er am 10. April 1767 auf. Während der
Durchquerung der Tiroler Alpen erkrankte Winckelmann. Vor allem sein psychischer
Zustand verschlechterte sich; die Berge schienen ihm erdrückend. Dem
Freunde zuliebe fuhr er noch bis Regensburg mit, um dann mit Cavaceppi
umzukehren. Auf der Rückreise in Wien Station machend, wurden sie von der österreichischen
Kaiserin Maria Theresia empfangen. Nach einem Fieberanfall reiste Winckelmann
weiter nach Triest, wo er am 1. Juni ankam. Von dort wollte er ein Schiff nach
Ancona nehmen, um nach Rom zu gelangen. Die Abfahrt verzögerte sich jedoch
um einige Tage und am 8. Juni 1768 wurde Winckelmann das Opfer eines Mordes.
Francesco Arcangeli, ein wegen Diebstahl vorbestrafter Koch, versuchte
Winckelmann erst zu erdrosseln und verletzte ihn dann mit sieben Stichen, von
denen vier tödlich waren. Winckelmann hatte Arcangeli, der im Hotel sein
Zimmernachbar war, zuvor einige wertvolle Münzen gezeigt. Das Wirken Winckelmanns war umfassend. Er beeinflußte Lessing, Herder und Goethe und gilt als Wegbereiter der klassischen Archäologie als einer modernen Wissenschaft. Sein Einfluß auf den europäischen Klassizismus ist nicht zu unterschätzen. Durch seinen von Sehnsucht und Freiheitsliebe geprägten Blick auf die Antike wurde Winckelmann Vorbild für alle humanistisch orientierten Geistesströmungen jener Zeit. Kurz nach der Gründung des Instituts der archäologischen Korrespondenz feierten die dortigen Mitgliedern seinen Geburtstag und ehrten ihn als den Mentor der Archäologie. 1955 wurde in Zusammenarbeit der Stadt Stendal und der 1940 gegründeten Winckelmann-Gesellschaft das Winckelmann-Museum eröffnet. Es steht in Stendal an der Stelle des Geburtshauses Winckelmanns und ist auch Sitz der Winckelmann-Gesellschaft. Literatur:
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