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Geschichte Mitteldeutschland


Johann Melchior Goeze
evangelischer Theologe

geb. 16.10.1717 in Halberstadt
gest. 19.05.1786 in Hamburg


Er war ein Vertreter des orthodoxen Luthertums, ein Kämpfer für den Glauben und einer der bekanntesten Kritiker und Bekämpfer der Aufklärung: Johann Melchior Goeze. Der evangelische Theologe und Schriftsteller ließ keine Möglichkeit aus, den Strömungen der Zeit und seinen Gegnern mit Kampfschriften entgegenzutreten.

Der Sohn des Diakons Johann Heinrich Goeze wurde am 16.10.1717 in Halberstadt geboren, besuchte in seiner Heimatstadt und nach der Versetzung seines Vaters in Aschersleben die Schule. Nach Beendigung der Schule begann Goeze sein Theologiestudium in Jena. 1736 ging er nach Halle, wo er 1738 bei dem damals sehr bekannten A.G. Baumgarten promovierte. Nach Aschersleben zurückgekehrt, vertrat der junge Theologe die folgenden Jahre mehrmals seinen schon kränklichen Vater im Predigtdienst. 1741 wurde Johann Melchior Goeze in Aschersleben zum Adjunctus ministerii gewählt, ein Jahr später ordiniert und 1744 zum Diakon an der St. Stephanskirche in Aschersleben ernannt. Die folgenden neun Jahre arbeitete er nun als Kollege seines Vaters. Während dieser Zeit erschienen erste Predigten und Betrachtungen. Zwei Jahre nach der Wahl zum Diakon heiratete er Johanna Rosina Derling, die Tochter des Bürgermeisters von Aschersleben.

Nachdem Johann Melchior 1749 auf Grund der Krankheit seines Vaters den ersten Ruf nach Magdeburg abgelehnt hatte, folgte er nun ein Jahr später doch einem weiteren Ruf nach Magdeburg als Prediger an die Hl. Geist Kirche. Bereits zwei Jahre später wurde er hier zum Pastor ernannt. Durch seine Predigten und Schriften, die sich meist mit dem Tod, der Auferstehung, dem Gericht und dem ewigen Leben befaßten, wurde der Pastor schnell weit über die Grenzen Magdeburgs hinaus bekannt. So wurde man auch in Hamburg auf den Prediger und Schriftsteller aufmerksam und als der dortige Hauptpastor der Gemeinde St. Katharina 1754 starb, wählten ihn die Hamburger zu seinem Nachfolger. Ein Ruf nach Hamburg war damals eine große Ehre, da nur die bedeutendsten Theologen der lutherischen Kirche Deutschlands in Betracht kamen.
Dennoch überlegte Goeze gründlich, ob er dem Ruf folgen sollte: „Ich bin nicht meinen eigenen Ansichten allein gefolgt, sondern ich habe berühmte und hochverdiente Gottesgelehrte unserer Kirche zu Rate gezogen und von ihnen allen die Antwort erhalten, daß ich ohne der Führung Gottes zu widerstreben, einen solchen Ruf, welcher alle Kennzeichen der Göttlichkeit hat, vor mir nicht wegwerfen dürfte." Vielleicht ahnte er schon die Schwierigkeiten, die er in Hamburg haben würde. Andererseits fiel es ihm sicherlich auch nicht leicht, sich von seinem kranken Vater zu entfernen.

Am 13.11.1755 begann der energische Theologe und begabte Prediger, gerade 38 Jahre alt, sein Amt als Hauptpastor in Hamburg und versammelte von Beginn an eine große Hörerschar in der St. Katharinenkirche um sich. Die ersten Jahre seiner Amtszeit verliefen ruhig, so daß er sich der literarischen Tätigkeit widmen konnte. Unter anderem veröffentlichte er zwei Predigten anläßlich des Erdbebens in Lissabon und prangerte das Überhandnehmen der Maskeraden und den Mißbrauch während der Passionszeit an.
Seine Predigten bezogen sich meist auf die aktuelle Zeit, wobei er immer das orthodoxe Luthertum vertrat. Damit zog Goeze bald Gegner an und in Flug- und Streitschriften hatte er mehrere große Auseinandersetzungen zu bewältigen. Schon bald war er einer der bekanntesten Theologen, die sich der immer weiter um sich greifenden Aufklärung und einer angeblichen Sittenlosigkeit im Volk widersetzten. Doch die Angriffe gingen nicht nur gegen die von ihm vertretene Lehre, sondern er selbst wurde zur Zielscheibe von Spott und Hohn. Die in den folgenden Jahren erschienenen Schriften spiegeln einen Streit großen Ausmaßes wider.

Seine erste größere Auseinandersetzung war die gegen Basedow 1764, dem er vorwarf, seine Schriften würden den Offenbarungscharakter des Christentums angreifen. Mit dem Sohn seines Vorgängers in Hamburg, Johann Ludwig Schlosser, entstand eine Diskussion über die Sittlichkeit der Schaubühne. Mit C. F. Bahrdt entbrannte ein Streit über dessen sentimentalisierende Übersetzung des Neuen Testaments, gegen die Goeze mit seiner Schrift „Beweis, daß die Bahrdtsche Verdeutschung des Neuen Testaments keine Übersetzung, sondern nur eine vorsätzliche Verfälschung und frevelhafte Schändung der Worte des lebendigen Gottes sei" (1773) Stellung nahm.
Sein Hauptfehler in den Augen aller Gegner war, daß er das biblische Christentum nach dem Lehrbegriff der orthodoxen lutherischen Kirche, den er für göttliche Wahrheit hielt, stetig vertrat und die neueren Strömungen der Zeit vehement bekämpfte.
Doch erst die Auseinandersetzung mit Gotthold Ephraim Lessing nahm ein Ausmaß an, daß man heute sagen kann, sie bildete ein eigenes Kapitel in der damaligen Geistesgeschichte. Lessing war damals und gilt auch noch heute als einer der herausragendsten Vertreter der deutschen Aufklärung, der sich für Vernunft, Toleranz, Freiheit und Menschlichkeit einsetzte und sich gegen kirchliche Bevormundung und Fürstenwillkür wandte.
Lessing veröffentlichte 1774-77 die „Fragmente eines Unbekannten". Diese stammten aus der Schrift „Die Apologie oder Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" eines Hamburger Gymnasialprofessor. Daraufhin entstand eine Diskussion zwischen Lessing und Gegnern, in die Goeze im Dezember 1777 eingriff. Er empfand Lessings Herausgabe der Wolfenbütteler Fragmente als Angriff auf den Glauben. Im Frühjahr 1778 gab der Theologe mehrere Aufsätze gegen die Fragmente unter dem Titel „Etwas Vorläufiges gegen des Herrn Hofrath Lessing mittelbare und unmittelbare feindselige Angriffe auf unsere allerheiligste Religion und auf den einigen Lehrgrund derselben, die heilige Schrift" heraus. In den folgenden Jahren führten Lessing und Goeze einen Streit miteinander, bei dem beide aus ihrer Geisteshaltung heraus ohne Kompromisse und Toleranz kämpften. Dabei war Lessing schon von Sprache, Form und Argumenten her Goeze überlegen. Stützte dieser sich doch auf die Argumente der Orthodoxie, um die Heilstatsachen des christlichen Glaubens zu verteidigen. Goeze sah sich gezwungen, den Versuch der Aufklärung, aus dem Christentum eine Religion der Vernunft zu machen, zu verhindern.
Der Streit zog sich mehrere Jahre hin und sowohl Lessing als auch Goeze verließen nur allzu häufig die sachliche Ebene und griffen den Gegner persönlich an, was die Diskussion noch mehr verschärfte. Höhepunkt der Auseinandersetzung war dabei sicherlich die von Lessing 1778 herausgegebenen Streitschriften „Anti-Goeze".

Je mehr sich der Pastor unter den Tonangebern seiner Zeit fremd fühlte und es in seinem Haus einsamer wurde - seine Frau und drei seiner vier Kinder waren schon vor Ausbruch des Streites mit Lessing gestorben - widmete er sich seinen biblischen Studien. Die Arbeiten zur Geschichte des gedruckten Bibeltextes und der Vergleich der verschiedenen Ausgaben der lutherischen Bibelübersetzung haben bis heute noch Geltung. Das notwendige Material zu diesen Untersuchungen entnahm er seiner Bibelsammlung, die selbst in unserem Jahrhundert noch zu den bedeutendsten gehört, die ein Privatmann je besessen hat.
Im Alter von 68 Jahren starb Johann Melchior Goeze am 19. Mai 1786 in Hamburg.


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