|
Die
Eroberung Jerusalems
während des Ersten Kreuzzuges, September 1099.
Wilhelm von Tyrus von E. und R. Kausler.
Gottfried von Bouillon, Herzog von Niederlothringen (1089-1100),
und sein Bruder Graf Balduin von Flandern drangen am 15.
September 1099 beim Nordtor (St. Stephanstor) in die Stadt
Jerusalem ein, mit ihnen der normännische Fürst Tankred aus
Süditalien, Neffe Bohemunds von Tarent, und viele andere
namhafte Führer des Kreuzfahrerheeres.
Hier lassen wir den Autor selbst erzählen.
Sofort durchzogen der Herzog und die Seinen in
geschlossenen Gliedern, die Schwerter zückend und mit Schildern
und Helmen gedeckt, die Straßen und Plätze der Stadt; alle
Feinde, die sie finden konnten, streckten sie mit der Schärfe
des Schwertes nieder, ohne auf Alter oder Rang Rücksicht zu
nehmen. Und es lagen überall so viele Erschlagene und solche
Haufen abgehauener Köpfe umher, daß man keinen andern Weg oder
Durchgang mehr finden konnte als über Leichen. Und unsere
Fürsten waren mit einer unermeßlichen Menge \Volkes, das,
ohnedies mordlustig, nach dem Blute der Ungläubigen besonders
dürstete, auf verschiedenen Wegen, Unzählige niedermetzelnd,
schon beinahe bis zur Mitte der Stadt gelangt, als der Graf von
Toulouse 1 und die übrigen Fürsten, die bei ihm waren,
noch immer den Streit am Berge Zion fortsetzten und nichts davon
wußten, daß die Stadt erobert und der Sieg in den Händen der
Unsern sei. Endlich machten das furchtbare Getöse und das große
Geschrei, welches sich von dem Eindringen der Unsern und dem
Niedermetzeln der Feinde erhob, die Stadtbewohner, welche hier
Widerstand leisteten, aufmerksam. Sie fragten sich verwundert,
was das ungewöhnliche Geschrei und der Tumult des lärmenden
Volkes zu bedeuten habe, und erfuhren nun, daß unser Heer
bereits in der Stadt sei, worauf sie die Türme und die Mauer
verließen und sich nach verschiedenen Orten flüchteten, um ihr
Leben zu retten. Da die Stadtburg in der Nähe stand, begaben sie
sich größtenteils dorthin; nun drang das Heer über die
Brücke, die es ohne Schwierigkeiten nach der Mauer hinüberlegen
konnte, und auf Leitern um die Wette in die Stadt, wo niemand
mehr Widerstand leistete. Sobald diese Leute in der Stadt waren,
öffneten sie das Südtor, das ihnen zunächst lag, damit das
übrige Volk ohne Schwierigkeit hereinkommen könne. Es drangen
also in die Stadt der hervorragende und entschlossene Graf von
Tonbuse, Isoard Graf von Die', Raimund und Pelet, Wilhelm von
Sabran, der Bischof von Albara und viele andere Edle, deren Namen
und Anzahl uns nicht überliefert worden sind. Diese alle zogen
einmütig, bis an die Zähne bewaffnet, in geschlossenen Gliedern
durch die Stadt und richteten ein furchtbares Blutbad an.
Diejenigen Feinde, welche dem Herzog und den Seinen entkommen
waren und dem Tod entfliehen zu können meinten, wenn sie sich
nach andern Seiten der Stadt wendeten, fielen nun diesen in die
Hände und gerieten so aus den Strudeln der Charybdis in die der
Scylla. Es wurden aber in der Stadt so viele Feinde erschlagen
und so viel Blut vergossen, daß die Sieger selber mit Ekel und
Schrecken erfüllt werden mußten.
Der größte Teil der Bevölkerung hatte sich nach dem Tempelhof
geflüchtet, weil dieser in einem entfernten Teil der Stadt lag,
auch mit einer Mauer, mit Türmen und starken Toren verwahrt war.
Diese Flucht brachte den Leuten wahrlich keine Rettung; denn
sogleich begab sich Herr Tankred mit dem größten Teil des
Heeres dorthin. Er brach mit Gewalt in den Tempel ein und machte
Unzählige nieder. Er soll auch eine unermeßliche Menge von
Gold, Silber und Edelsteinen weggenommen, nachher jedoch, als das
Getümmel sich gelegt hatte, alles an den alten Platz
zurückgebracht haben. Sofort gingen auch die übrigen Fürsten,
nachdem sie niedergemacht hatten, was ihnen in den andern
Stadtteilen unter die Hände gekommen war, nach dem Tempel,
hinter dessen Einfriedigung sich die Bevölkerung, wie sie
gehört, geflüchtet hatte. Sie drangen mit einer Menge von
Reitern und Fußgängern hinein und stießen, was sie dort
fanden, mit den Schwertern nieder, ohne jemanden zu schonen, und
erfüllten alles mit Blut. Es geschah sicherlich nach gerechtem
Urteil Gottes, daß die, welche das Heiligtum des Herrn mit ihren
abergläubischen Gebräuchen entweiht und dem gläubigen Volk
entzogen hatten, es mit ihrem eigenen Blut reinigen und den
Frevel mit ihrem Tode sühnen mußten . . . Im Tempelbezirk
sollen an die zehntausend Feinde umgekommen sein, wobei also die,
welche da und dort in der Stadt niedergemacht wurden und deren
Leichen in den Straßen und auf den Plätzen umherlagen, noch
nicht gerechnet sind, denn ihre Zahl soll nicht geringer gewesen
sein. Der übrige Teil des Heeres zerstreute sich in der Stadt,
zog diejenigen, welche sich in engen und verborgenen Gassen
versteckt hatten, um dem Tode zu entrinnen, wie das Vieh hervor
und stieß sie nieder. Andere taten sich in Scharen zusammen und
gingen in die Häuser, wo sie die Familienväter mit Frauen und
Kindern und dem ganzen Gesinde herausrissen und entweder mit
Schwertern durchbohrten oder von den Dächern herabstürzten,
daß sie den Hals brachen
Nachdem die Stadt völlig erobert war, trafen die Führer des
Kreuzfahrerheeres die nötigen Sicherungsmaßnahmen. Jetzt, da
der Kampf mit der Vernichtung der Garnison geendet hatte, zeigten
sich die schonungslosen Kämpfer als fromme und demütige
Christen, deren Inneres tief ergriffen war vom Erlebnis der
Eroberung des heiligen Jerusalem.
Als endlich auf diese Weise die Ordnung in der Stadt hergestellt
war, legten sie die Waffen nieder, wuschen sich die Hände, zogen
reine Kleider an und gingen dann demütigen und zerknirschten
Herzens, unter Seufzen und Weinen, mit bloßen Füßen, an den
ehrwürdigen Orten umher, welche der Erlöser durch seine
Gegenwart heiligen und verherrlichen mochte, und küßten sie in
größter Andacht. Bei der Kirche zu dem Leiden und der
Auferstehung des Herrn kamen ihnen sodann das gläubige Volk der
Stadt und der Klerus, welche beide seit so vielen Jahren ein
unverschuldetes Joch getragen hatten, voll Dankes gegen ihren
Erlöser, der ihnen wieder die Freiheit geschenkt, entgegen und
geleiteten sie unter Lobliedern und geistlichen Gesängen nach
der vorgenannten Kirche . .
1
Raimund IV. von St. Gilles, Graf von Toulouse (1088 - 1105). ( zurück )

Die Eroberung von Jerusalem 1099
| |
|